...So stellte KR anlässlich des „Ablassjahres“ der katholischen Kirche gleich neben die Karlskirche eine temporäre Beicht-, Bet- und Ablasshütte und befreite als Laien-Beichtbruder alle Bußfertigen von ihren Sünden: Da die Begriffe von Gut und Böse nur in Bezug auf einander eine Bedeutung haben, sollten sie, in der performativen Ironisierung, sich bald in Luft auflösen. Gott wurde als abgenutzte und entmannte Projektionsfigur einer überholten kindischen Verantwortungs – Verweigerung probehalber in den „wohlverdienten Ruhestand entlassen“ und in einer Diskussionsveranstaltung mit VertreterInnen von Kirche und Philosophie (u.a.Birge Krondorfer) auf Wirkung und unerwünschte Nebenwirkung hin getestet. Insgesamt sieht Katharina Razumovsky ihre Kunst als „ein Experiment, in dem Philosophie gelebt wird“.
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Buß- und Beichtbar
Wie schade, dass die meisten wirklich sensationellen Angebote zeitlich begrenzt sind. So wie jenes, das vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009 galt. Dieser Zeitraum war nämlich das Jahr des Paulus und wurde anlässlich seines 2.000 Geburtstags begangen. Zum Gedenken an den „Apostel der Völker“ hatte Papst Benedikt XVI. einen Sonderablass gewährt: „Die Gläubigen können … einen vollkommenen Ablass empfangen, wenn sie die erforderlichen Voraussetzungen beachten (Beichte, Kommunion, Gebet nach der Meinung des Heiligen Vaters) und an einer öffentlichen heiligen Messe oder liturgischen Feier zu Ehren des Völkerapostels teilnehmen.“
Mittlerweile sind die Geburtstagsfeierlichkeiten vorbei. Ein Umstand, den die Künstlerin und Philosophin Katharina Razumovsky ebenso bedauert wie inspiriert: „Es müsste doch auch in diesem Jahr, nicht nur den Katholiken, sondern allen Menschen die Chance gegeben werden, einen vollkommenen Ablass zu kaufen.“ Gesagt, durchdacht, getan. Ab dem 23. Juni wird vor der Karlskirche eine temporäre Beicht-, Bet- und Ablasshütte stehen, in der Katharina Razumovsky als Laienbeichtschwester täglich von 12 – 14.00 und von 17.00 – 21.00 Uhr Menschen von ihren Sünden mit einer Ablassbescheinigung befreien wird. Wer gerne zu Hause weiter büßen & beten möchte, der kann in der inkludierten Ablasstrafik Kerzen und andere Devotionalien erwerben. So humorvoll die Aktion auch ist, der ihr zugrunde liegende Sachverhalt ist ein ernster.
„Der Begriff der Sünde ist ein religiöser, trotzdem erhält in einer säkularen Zivilgesellschaft ein Straftäter, der bußfertig ist und bereut, eine Strafminderung. Warum? Ist er nach der Buße weniger Straftäter?“, fragt die Künstlerin sich und uns.
Überlegungen wie diese, und dass der Papst Sünden erlassen kann, so wie ein Möbelhaus zum Jubiläum die Preise senkt, sind auch die Themen der zur „Beichte 2010“ gehörenden Diskussionsveranstaltung am 29. Juni (Uhrzeit steht noch nicht fest) mit Vertretern von Kirche und Philosophie.
Insgesamt sieht Katharina Razumovsky ihre Kunst als „ein Theater, in dem Philosophie gelebt wird.“ In diesem Sinne: Willkommen, Welcome, Bienvenue!
Übrigens: Der Erwerb durch Verkauf der Ablässe und einiger Devotionalien geht zu 50 Prozent an die Caritas
© Hannes Höttl
Einladung, Programm:
24. Juni ab 18 Uhr: Geburtstagsfeier des Ablass-Jahres
der totale Ablass zum Jubiläums-Tarif !!!!!!
Einweihung der Beichtbox und der Devotionalien-Trafik
vor der Karlskirche, mit Schnupperbeichte, General-
Ablass zum Jubiläums-Tarif, Predigten von Vater Thomas,
Mutter Anja und Bruder Katharina, Brot und Wein
Freitag 25. und Samstag 26. Juni ab 18 Uhr:
Karaoke Beichtkontest (Österreich sucht den Super-
Sünder), Ehevermittlung: Mit wem sündige ich am
besten? Nippel-Nappel (Himmel und Hölle)
Sonntag 27. und Montag, 28. Juni, normaler Beichtbetrieb von
16 Uhr bis ca 18 Uhr (je nach Andrang)
Dienstag 29. Juni, 16 Uhr: Gott wird in den wohlverdienten
Ruhestand entlassen. Letzte Beichtgelegenheit und
Ablass-Schnäppchen, anschließend Prozession zum Project Space
29. Juni ab 18 Uhr: Kunsthalle Wien Project Space
Karlsplatz, Thesen und Disputatio zum Thema:
Sünde
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